„Wie können Sie an diesem Ort arbeiten?“

„Wie können Sie an diesem Ort arbeiten?“ wurde Jules während eines Rundganges an der KZ-Gedenkstätte einmal gefragt. In Zeiten der Corona-Krise bekommt diese Frage eine neue Dimension.

Der Bahnsteig in St. Valentin ist um halb acht Uhr morgens überfüllt mit bunt gekleideten Jugendlichen, die auf dem Weg zur Schule sind. Jules ist schon über zwei Stunden wach und hat beinahe 200 Kilometer Weg zurückgelegt, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen.

Das zähe Grau eines verregneten Märztages tropft vom Himmel. Jules liest auf der kalten Bahnhofsbank sitzend ein paar Seiten in ihrem Buch, bevor sie ein Zivildiener der KZ-Gedenkstätte Mauthausen mit dem Dienstfahrzeug abholt. Der Shuttle-Dienst ist ein Service der Arbeitgeberin, damit die Anreisestrecke verkürzt wird. Eine direkte Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Wien nach Mauthausen gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Heiß schäumender Kaffee fließt durch die Maschine in die Tasse. Kurz noch ein kleiner Austausch mit den Kolleg*innen, dann geht es schon raus aufs Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. „Hallo, mein Name ist Jules. Ich werde euch die kommenden zwei Stunden begleiten. Ich habe Materialien, Fotos und Dokumente aus der KZ-Zeit, für euch mitgebracht, wir werden uns gemeinsam Fragen stellen und versuchen, uns an die Geschichte der Menschen anzunähern.“ Nach der Begrüßung folgen die in dicke Schals eingemummelten Schüler*innen ihrer Begleitung und stellen neugierig viele Fragen.

Das wird für unbestimmte Zeit der letzte Rundgang an der Gedenkstätte gewesen sein.

Im laufenden Monat hat Jules mit etwa 1.100 € Einkommen plus Erstattung der Fahrtkosten gerechnet. Zwischen März und Anfang Juli besuchen besonders viele Schulklassen die Gedenkstätte Mauthausen. Diese Zeit ist für Vermittler*innen wie Jules die Hauptsaison. In vier Monaten muss Jules so viel arbeiten, dass sie auch über die Herbst- und Wintermonate kommt. Während Jules im Mai an die 26 Rundgänge begleiten kann, sind es im Herbst häufig nur gerade so viel, um über der Geringfügigkeitsgrenze zu verdienen, damit sie versichert bleibt. Keine Rundgänge zu machen, bedeutet natürlich den Entfall des Gehaltes. Kranksein ist nicht. Jules steht unter enormem psychischem und emotionalem Druck.

Schon während ihres Geisteswissenschaftsstudiums hat Jules mit der Vermittlungstätigkeit angefangen. Groß ist die Freude, als sie in die Ausbildung aufgenommen worden ist und durch den ihr angebotenen freien Dienstvertrag voll flexibel bleiben kann. Arbeiten muss sie nur nach Verfügbarkeit. Gibt es nicht genügend Rundgänge, hat sie andererseits auch keinen Anspruch auf die Zuteilung. Schnell ist Jules klar, dass Flexibilität ausschließlich von ihr verlangt wird und diese noch dazu geringe Absicherung bedeutet. Planen kann sie nur bedingt, was ihren Einsatz betrifft.

Dennoch entscheidet sie sich für diese Arbeit. Vermittlungsarbeit ist kein Job. Für Jules ist sie eine sinnstiftende Tätigkeit und ein politischer Auftrag. Gerne engagiert sie sich auch im Privaten -unbezahlt-, bildet sich weiter, bereitet Materialien vor, übersetzt die Rundgänge in andere Sprachen, recherchiert, reflektiert und dokumentiert.

Jules reserviert, um genügend Rundgangszuteilungen zu bekommen, mindestens drei Tage pro Woche ein Monat im Voraus. „Wenn du dich nicht mindestens zwei Tage pro Woche verfügbar melden kannst, nützt du uns nichts!“, heißt es seitens der Gedenkstätte. Manchmal fällt jemand aus, sodass man spontan eingesetzt werden kann. „Mika ist diesen Monat schon zum zweiten Mal ausgefallen, er ist zu unverlässlich. Wir müssen mit ihm sprechen“, hört Jules im Kaffeezimmer das Personal besprechen.

Für vier bezahlte Arbeitsstunden ist Jules rund zwölf Stunden unterwegs. Natürlich kann sie in dieser Zeit keiner anderen Tätigkeit nachgehen.

Durch ihr Engagement und den Einsatz in diversen Konzeptentwicklungsarbeitsgruppen hofft Jules darauf, endlich eine Anstellung zu bekommen. Versprochen wird schon seit drei Jahren die Aufnahme der Vermittler*innen in einen Kollektivvertrag.

 

März 2020. Kein Kollektivvertrag, aber Corona.

 

Arbeit als Kulturvermittler*in oder Politische Bildner*in zu finden, ist schwer. In Österreich gibt es nur wenig Angebote, vergleicht man die prekären Arbeitsbedingungen, lassen sich viele Parallelen finden.

 

Jules geht zum AMS.

 

Auf eine existenzsichernde Maßnahme zur Überbrückung seitens ihrer Arbeitgeberin darf sie nicht hoffen. Zwar gibt es ein Projekt, bei dem die Gedenkstätte E-Learning Materialien für zu Hause erstellt, doch mit rund 400 € pro Monat kann sie die Lebenserhaltungskosten nicht annähernd decken.

Jules gehört nun zu den rund 100.000 Arbeitslosen, weil die Geschäftsführung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen ihrer sozialen Verantwortung, die Vermittler*innen in ein gesichertes Anstellungsverhältnis zu überführen, all die Jahre nicht nachgekommen ist.